Penner und die Mülltonne

Pen­ner, ein Mann im vierzig­sten Leben­s­jahr, ging durch die New York Avenue. Jeden Mor­gen der­selbe Weg. Nie wäre ein Mann wie Pen­ner aufge­fallen. Zwar trug er eine an den Ärmeln zu kurze Jacke und eine aus­rang­ierte, früher wohl eine bla­u­far­bene Hose, doch die bere­its seit Jahren ver­fal­l­enen Häuser, an denen er vor­beig­ing, befan­den sich in keinem besseren Zus­tand. Eines frühen Mor­gens indes, die Avenue wim­melte nur so von Men­schen, geschah etwas Son­der­bares. Pen­ner set­zte sich näm­lich vis á vis von einer gut besuchten Spelunke neben eine betagte Mülltonne.

Nun, hät­ten wir nur dies zu berichten, so kön­nten wir über diese Tat­sache hin­wegse­hen, genau so, wie wir es tun, wenn die häu­fi­gen Schreck­ens­meldun­gen in den Fernsehnachrichten uns ein­fach nicht mehr berühren. Allein das, was zwis­chen Pen­ner und der Müll­tonne sich ereignete, scheint uns so bedeu­tend zu sein, dass wir nicht umhin kön­nen, den heute leben­den Men­schen davon zu berichten.

Sogle­ich als Pen­ner neben der Müll­tonne saß, begann er, die Beine überkreuzt, zu ihr zu sprechen. Er redete jedoch weder über das Wet­ter noch über die grosse Poli­tik. Nein! Pen­ner klagte der Müll­tonne sein Leid. Verge­blich hatte er näm­lich in der Ver­gan­gen­heit ver­sucht, sich den Leuten mitzuteilen. Nicht, dass er es an Mühe fehlen ließ, ein richtiges Gespräch zu begin­nen. Stets ging er zuver­sichtlich auf einen ihm für ein ern­sthaftes Gespräch geeignet scheinen­den Men­schen zu. Wenn Pen­ner annahm, dieser hörte ihm zu, irrte er meist. Oft stellte sich im Ver­lauf des Gesprächs her­aus, dass der auserko­rene Men­sch es über ein leeres Gerede hin­aus nicht kom­men lassen wollte. Später glaubte Pen­ner daher, dass viele Men­schen gar nicht mehr fähig seien, sich auf einen anderen Men­schen einzu­lassen, dass sie dem Men­schen, mit dem sie ger­ade rede­ten, ein­fach nicht aufmerk­sam zuhören kön­nen, so dass sie am Ende des so genan­nten Gesprächs über­haupt nicht wüssten, worüber ger­ade gesprochen wor­den war.

Die schäbige Müll­tonne in der New York Avenue, neben der Pen­ner saß, nahm alles auf, was jener zu ihr sagte. Zwar war sie anfänglich etwas ver­wirrt, als der ziem­lich herun­tergekommene Stadt­stre­icher aus­gerech­net sie ansprach — die Straße wim­melte nur so von Men­schen, wie bere­its erwähnt -,aber die Ver­wirrung wich der Ein­sicht, dass der Men­sch neben ihr Prob­leme mit sich herum trug, die den ihri­gen ähn­lich waren. Sie erzählte Pen­ner wie sie an fünf Tagen in der Woche in einer dun­klen Kellernische ärm­lich und ver­lassen ste­hen musste. Nur an zwei Tagen während einer lan­gen Woche hatte sie Gele­gen­heit, die auf der Straße dahin­huschen­den Gestal­ten zu sehen. Allzugerne hätte sie den Men­schen, den an ihr vor­beistre­unen­den Hun­den und Katzen, den vom Dach neben sie, auf die Straße fliegen­den Vogel, ange­sprochen. Doch was sie auch unter­nahm, und ihrer trau­ri­gen Bes­tim­mung nach, kon­nte sie nur recht wenig unternehmen, war zum Scheit­ern verurteilt. Nie­mand schenkte ihr den ger­ing­sten Blick. So schmachtete sie verge­blich nach dem ihr zuge­ta­nen Lebe­we­sen. Der let­zte Trost, der ihr endlich noch geblieben, war die Hoff­nung, möglichst bald als Müll­tonne aus­ge­di­ent zu haben.

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